Am Donnerstag, den 16. April, erlebte die 6. Klasse im Technikunterricht einen ganz besonderen Vormittag: Drei Gesellen auf Wanderschaft besuchten den Unterricht und gaben spannende Einblicke in ihre Handwerksberufe und ihr außergewöhnliches Leben unterwegs.
Die Begegnung kam eher zufällig zustande. Bereits am Vortag hatte Frau Pfenning in Wertheim eine Gruppe von insgesamt 19 Wandergesellen getroffen (Teile davon standen, sie Bild, auch für ein Foto bereit). Beeindruckt von ihrer traditionellen Kleidung – der sogenannten Kluft, an der man die Gesellen sofort erkennt – sprach sie die Gruppe spontan an und lud sie in den Unterricht ein. Man vereinbarte, dass – sofern sich Freiwillige fänden – einige der Gesellen am nächsten Morgen gegen 9 Uhr in den Unterricht kommen würden. Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, ob der Besuch tatsächlich zustande kommen würde, denn die Gruppe hatte sich getroffen, um einen ihrer Kameraden nach dreijähriger Wanderschaft auf seinem letzten Stück nach Hause, nach Tauberbischofsheim, zu begleiten.
Schon zu Beginn der Technikstunde am nächsten Morgen berichtete Frau Pfenning der Klasse begeistert von dieser Begegnung und kündigte den möglichen Besuch an. Die Schülerinnen und Schüler waren sofort gefesselt – und überhäuften sie mit Fragen, die sie selbst zum Teil gar nicht beantworten konnte. Die Neugier war geweckt, die Spannung stieg. Die Zeit des Wartens überbrückte Frau Pfenning, indem sie an das bereits laufende Projekt „Gürtelschnalle“ anknüpfte. Da der Werkraum an diesem Tag aufgrund einer praktischen Prüfung ausnahmsweise nicht genutzt werden konnte, wurde der Fokus noch einmal auf das Skizzieren gelegt – eine Technik, die die Schülerinnen und Schüler bereits zu Beginn der Unterrichtssequenz kennengelernt hatten. Nun konnten sie ihre Fähigkeiten weiter vertiefen: Sie experimentierten erneut mit unterschiedlichen Bleistifthaltungen, um verschiedene Effekte zu erzielen, übten das Schattieren und setzten sich intensiver mit einer gelungenen Bildeinteilung auseinander. So wurde die Wartezeit sinnvoll genutzt und zugleich das gestalterische Arbeiten weiter gefestigt.
Umso größer war die Aufregung, als es kurz nach neun Uhr wurde und die Gesellen noch nicht da waren. Ohne Handy und Uhr ist Pünktlichkeit auf der Walz schließlich nicht selbstverständlich. Die Erleichterung war daher groß, als Frau Hörner schließlich die Tür öffnete und die drei Gäste mit einem Lächeln hereinführte. „Sie sind doch gekommen!“, war die freudige Reaktion.
Zunächst noch etwas schüchtern, begegneten die Kinder den Gästen vorsichtig – doch das Eis war schnell gebrochen. Die Gesellen traten so offen, freundlich und zugewandt auf, dass schon nach wenigen Momenten eine lebendige Gesprächsatmosphäre entstand. Bald nahm die Fragerunde kaum ein Ende.
Die drei Gesellen berichteten von ihren Berufen: Zwei von ihnen waren Schreiner (im Norden Deutschlands sagt man dazu Tischler), der dritte ein Zimmerer. Besonders anschaulich erklärte dieser seine Arbeit: Er baut Dachstühle, repariert Fachwerkhäuser und arbeitet mit großen Holzkonstruktionen – eine ganz andere Vorstellung als die ersten, kreativen Vermutungen der Kinder, er würde „Zimmer aufräumen“ oder „Möbel bauen“.
Ein kleines Detail sorgte dabei für ein Schmunzeln: Einer der Gesellen zog tatsächlich eine Uhr hervor – allerdings keine Armbanduhr, sondern einen kleinen, quadratischen, digitalen Wecker. Stolz berichtete er, dass dieser sogar die Temperatur anzeigen könne. Wirklich brauchen würde er diese Funktion aber nur selten, etwa wenn er draußen schlafe – und ändern könne er die Temperatur dann ja ohnehin nicht.
Ein Höhepunkt war der Bericht über die Reisen: Der Zimmerer erzählte, dass er bereits bis nach Nepal gewandert sei und den Winter auf Sardinien verbracht habe. Die Augen der Kinder wurden dabei immer größer – so weit weg, und das größtenteils zu Fuß oder per Anhalter!
An dieser Stelle erfuhren die Schülerinnen und Schüler auch mehr über die Walz, eine alte Tradition des Handwerks. Nach ihrer Ausbildung gehen Gesellen für mehrere Jahre auf Wanderschaft, um neue Erfahrungen zu sammeln, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und persönlich zu wachsen. Dabei gelten klare Regeln: Sie dürfen sich ihrer Heimat nur begrenzt nähern, reisen möglichst ohne moderne Hilfsmittel und finanzieren sich durch ihre Arbeit bei wechselnden Betrieben. Übernachtet wird einfach, geduscht wird beispielsweise auf Raststätten, in Fitnessstudios oder öffentlichen Einrichtungen. Der Kontakt zur Familie erfolgt oft noch ganz klassisch per Postkarte.
Auch ganz praktische Fragen wurden gestellt: Ob man sich denn nicht verlaufe? Einer der Gesellen zog daraufhin eine laminierte Deutschlandkarte hervor, die ihm zur Orientierung diene – einfach, aber zuverlässig. Was passiert bei Verletzungen? – Jedes Krankenhaus in Deutschland hilft. Wie bekommt man genug zu essen? – Durch die Arbeit bei verschiedenen Arbeitgebern. Und wie lebt es sich ohne Handy? – Anders, aber bewusst und oft intensiver.
Eine besonders bemerkenswerte Situation entstand, als ein Kind – zunächst etwas unsicher – fragte, ob die Gesellen Juden seien. Es machte dabei deutlich, dass die Gäste die Frage selbstverständlich auch unbeantwortet lassen könnten. Die Gesellen reagierten darauf genauso offen und respektvoll wie auf alle anderen Fragen. Sie erklärten, dass die Vermutung aufgrund ihrer Kleidung nachvollziehbar sei, sie jedoch keiner von ihnen jüdisch sei. Gleichzeitig betonten sie, dass es auf der Walz wichtig sei, offen für alle Menschen zu sein und politische oder religiöse Überzeugungen nicht nach außen zu tragen. Diese ehrliche und wertschätzende Begegnung hinterließ bei allen einen nachhaltigen Eindruck.
Besonders eindrucksvoll war für die Klasse auch das Thema „Ehrenwort“. Die Gesellen erklärten, dass ein gegebenes Wort für sie verbindlich ist. Wer etwas verspricht, hält es – ohne Ausreden. Eine Verspätung von maximal einer Stunde sei erlaubt, doch ein Versprechen zu brechen komme nicht infrage, es sei denn, man sei ernsthaft verhindert. Ohne Handy könne man schließlich nicht „kurz absagen“. Um dennoch pünktlich zu sein, seien sie auf ihre Mitmenschen angewiesen: Sie sprechen Menschen an, kommen ins Gespräch, knüpfen Kontakte – und fragen im Zweifel auch einmal, ob sie über ein fremdes Handy eine Nachricht nach Hause schicken dürfen.
Leider konnten die drei Gesellen nur bis etwa 9:30 Uhr bleiben. Sie mussten weiter nach Wertheim, wo sie sich am Rathaus mit den anderen treffen wollten. Für zwei von ihnen stand bereits die nächste Etappe an: Am darauffolgenden Tag sollten sie um 18:00 Uhr in Lübeck bei ihrem nächsten Arbeitgeber sein – eine lange Strecke, die sie ausschließlich zu Fuß oder per Anhalter zurücklegen würden. Doch eines war klar: Pünktlichkeit ist für sie selbstverständlich. Sie haben es schließlich versprochen.
Die drei Gesellen waren unterschiedlich lange unterwegs – einer erst seit wenigen Monaten, ein anderer bereits seit fast drei Jahren. Ihre Wege hatten sie nicht nur durch Deutschland geführt, sondern auch ins Ausland, unter anderem nach Dänemark, Österreich und in die Schweiz.
Der Besuch hinterließ einen bleibenden Eindruck – nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Lehrkräften. Die Begegnung machte deutlich, wie viel Mut, Offenheit und Vertrauen in dieser besonderen Lebensweise stecken.
Gerade für die Schülerinnen und Schüler war dieser Vormittag von großer Bedeutung: Sie konnten erleben, dass Lernen nicht nur im Klassenzimmer stattfindet, sondern durch echte Begegnungen mit Menschen und ihren Lebensgeschichten lebendig wird. Die Gesellen vermittelten Werte wie Verlässlichkeit, Eigenverantwortung und den Mut, neue Wege zu gehen – Erfahrungen, die weit über den Technikunterricht hinausreichen und die Kinder noch lange begleiten werden.
Ramona Pfenning





